Titelbild Essenheimer Kunstverein

DIE WELT ALS NARRENSCHIFF

Vorzeitig beendet!

 

Die neuen, ab 2.11.2020 gültigen Pandemie-Regelungen bedingten die Beendigung der Ausstellung; auch die Finissage am 15.11. entfällt.

Zur Einführung in diese Ausstellung:

Die Ausstellung musste leider -pandemiebedingt- vorzeitig ab dem 2.11. beendet werden

Einführung in die Ausstellung Johannes Grützke, Yongbo Zhao, Wang


Guten Abend und ein herzliches Willkommen im Kunstforum zur Vernisage der Ausstel- lung : Die Welt als Narrenschiff.
Freue mich, dass Sie trotz der momentanen Virenlage, den Weg ins Kunstforum gefunden haben. Es ist nicht gut sich nur mit Unsichtbarem zu beschäftigen. Nutzen Sie die Gele- genheit sich hier dem Sichtbarem in Form von bemerkenswerten offen reprästentierten Kunstwerken dreier Künstler zu widmen.

Johannes Grützke, Yongbo Zhao,
und Huanqing Wang


Drei unterschiedliche Künstler mit so ganz unterschiedlichen Biografien und vor allen Dingen unterschiedlichen Ideen und Vorstellungswelten.
Diese Vielfalt, diese verschiedenen Bildwelten miteinander zu verbinden gelingt nicht zu- letzt der außergewöhnlichen architektonischen Variabilität des Kunstforums. Was für ein Glück!

Energetisch betrachtet, befinden wir uns in einem Treibhaus. Wir sind umgeben von Bil- dern, die erfüllt sind von eigentümlicher Wesen. Zotige, pickelige, aufgedunsene Wesen treiben ihr Spiel – mit Begeisterung und Freude – wohlgemerkt!
Lassen Sie es mich versuchen in diesen Dschungel eigenwilliger Bildwelten eine Ordnung aufzuzeigen, die Ihnen Orientierung und auch Verständnis für das Gezeigte gibt.
 
Sie betreten / betraten die Ausstellung auf der vierten Etage und werden schon auf der Treppe von einer freundlich blickenden Nonne begrüßt. Heraustretend aus einen schwar- zen Hintergrund tritt Sie Ihnen förmlich entgegen. Das Schwarz als Nährboden des Bildes, aus dem das Figurative in Ihr Blickfeld tritt scheint mir Konzept zu sein bei dem Münch- ner Maler Yongbo Zhao.
Yongbo - in der Tradtition der Renaissancekünstler signiert er seine Bilder ausschließlich mit seinem Vornamen – wurde 1964 in Hailong, einem Ort in der Mandschurei, Volksre- publik China geboren. Früh zeigte sich seine Begeisterung und Begabung für das bildneri- sche Gestalten, dass gerade auch in seiner Schule immer wieder genutzt wurde.
Von 1982 bis 1986 absolvierte er erfolgreich im Nordosten Chinas, in Changchun, seine künstlerische Ausbildung. Im Anschluss wurde er an dieselben Hochschule als Dozent für Ölmalerei und Kunstgeschichte berufen. Auch die Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen ließ nicht lange auf sich warten – Yongbo machte Karriere!
Um so verwunderlicher ist es, dass er unbedingt nach Europa wollte – nichts interessierte ihn mehr als die europäische Kunstgeschichte, die er in seiner Heimat nur mittels wenig farbechter Reproduktionen kennenlernen konnte.
Er machte sich auf den Weg und kam schlussendlich auf abenteuerlicher Weise nach Mit- teleuropa.
Er bewarb sich an verschiedenen Akademien, wurde zu Aufnahmeprüfungen eingeladen, aber aufgrund der massiven sprachlichen Verständnisschwierigkeiten gelang es ihm nicht, die Prüfungsaufgaben wie gefordert zu erledigen - der gewünschte Erfolg blieb ihm versagt. In München fand er dann in Robin Page seinen Meister. Während der ersten vier Jahre nutze er die Möglichkeiten in den europäischen Museen die insbesondere die Werke der al- ten Meister genauestens zu studieren.
 
Nach Jahren des Erforschens und Untersuchens, der in den europäischen Museen präsen- tierten Meisterwerke, fand er wieder zur Malerei zurück und transformierte bekannte Wer- ke der Kunstgeschichte in einen tierischen Kosmos.
Wie kann es verwundern, dass ein so eigenwilliger Mensch wie Yongbo, das gesellschaftli- che Leben in seiner Heimat mit einer Schafherde vergleicht - alle trotten einem Anführer hinterher. So hat er es sinngemäß formuliert. Zu gerne würde ich ihn jetzt fragen, ob er nicht auch im Westen angekommen, ein ähnliches Herdenverhalten beobachten kann? Lei- der ist Yongbo heute Abend nicht anwesend – den Grund kennen Sie – Corona.
Nichts für Ungut, das Schaf, der Hammel wird zum Hauptakteur seine figurativen Kom- positionen.
Das Urwüchsige, das Triebhafte wird ganz nach dem insbesondere in Hollywood gepfleg- ten Topos: die Schöne und das Biest inszeniert. Ich erinnere an das eingangs erwähnten Nonnenbild, dass sie zum Ausstellungsrundgang begrüßt/genauer: begrüßte.
Zu dem äußerst fein und zart gemalten Bildnis gesellen sich eher derbere, auch in der Farb- behandlung. krude Gesichtsdarstellungen, die das idealisierenden Frauenbildnis mit eher zerwachsene, fast abstößige anmutende männliche Geschöpfe kontrastiert.
Hoffe, Sie haben das Spiel der Blicke aufgegriffen und nicht zuletzt auch deswegen, das große figurative Bild von Johannes Grützke bemerkt. „“Am Watt“ zeigt auf recht untypi- sche Art eine fast surreal anmutenden Figurengruppe, deren Miteinander als keinesfalls gewaltfrei zu beschreiben ist.
Johannes Grützke, was für ein Glücksfall, diesen außergewöhnlichen Maler aus Berlin Ih- nen wieder einmal in einer Ausstellung vorstellen zu können.
Bevor ich zu den gezeigten Porträtdarstellungen ein paar Anmerkungen formuliere möchte ich Ihnen ebenfalls ein paar wesentliche biographische Informationen mitgeben.
 
Johannes Grüzke, am 30. September 1937 in Berlin geboren, studierte von 1957-1964 an der Hochschule für Bildende Künste/Berlin u.a. bei Peter Janssen. 1962 studierte er an der Sommerakademie Salzburg, „in der Schule des Sehens, wie Grützke diese nannte, bei Os- kar Kokoschka.
Johannes Grützke, war das Glück eine steilen Erfolgs nicht vergönnt. Um Malen zu kön- nen, musste Grützke durch verschiedene Jobs das hierfür notwendige Geld beschaffen. 1973 gründete er mit den Kollegen Manfred Bluth, Matthias Koeppel, und Karl-Heinz Ziegler die „Schule der neuen Prächtigkeit“
zum Programm dieser neuen Prächtigkeit gehörte u.a. eine Bezugnahme zur Malerei des 19. Jahrhunderts, insbesondere dessen damals neu definerten Realismusverständnisses. Auf Courbet zurückgehend meint dies, die Alltagswirklichkeit in ihren sozialen, ästhetischen, emotionalen Dimensionen in den Mittelpunkt der Malerei zu stellen.
Eine deutlich formulierte Antithese zum zeitgenössischen Geist der gepflegten Abstrakti- on. Statt Vergeistigung, Vulgarismus, statt Apotheose und Ideologie, Ironie (auch und vor allen Dingen Selbstironie), Witz, Spiel und eben auch Traditionsverbundenheit. Das abbildhaft Figürliche erlebte eine Renaissance, die wenige Jahre später zum Konzept der
„neuen Wilden“ mutierte. Das Figürliche nicht als Chiffre, als Zeichen verstanden, sondern als Maßstab künstlerischer, gestalterischer Leistungsfähigkeit.
Betrachten Sie das Werk „Himmel und Hölle“ im Erdegschoss. Es zeigt eine Personengrup- pe, die in allen Richtungen des Bildraumes komponiert ist. Bemerkenswert ist der sich dem Betrachter engegenstreckende Arm. Der wiederum wird durch die im Bildvorder- grund eingefügte Ablage sowie durch den zwischen den Händen gespannten roten Faden kontrastiert und im Bildgefüge verankert. Was für ein faszinierendes Spiel von Raum und Fläche – Bildfläche und die vom Faden eingerahmte Fläche. Das ist Meisterlich!
 
Grützke beschreitet einen eigenwilliger und vor allen Dingen mutiger, anachronistischem Sonderweg also, nicht dem Zeitgeist folgend, sondern durch den Rückblick geschult entwi- ckelt er seine ganz eigenen und persönlichen Bildkonzepte – ideell finden wir hiermit den Begegnungsort der beiden Künstler Grützke und Zhao.
Zu erwähnen ist auch das Engagement Grützkes als Dozent/bzw. Professor an verschie- denden Hochschulen wie auch sein bemerkenswertes kreatives Arbeiten in der Welt des Theaters in Zusammenarbeit mit Peter Zadek. Es mag vielleicht ungewöhnlich scheinen, aber die vielfältigen figurativen Haltungskonstruktionen, die Grützkes Werk auszeichnen ist durchaus dem Theatralischen nicht fremd.
Ein fruchtbare Zusammenarbeit entwickelte sich aus eben dieser Begegnung von Zadek mit Grützke.
Wie hoch die gestalterische, künstlerisch Akzeptanz von Grützke gewachsen ist, demons- triert neben anderem der öffentliche Auftrag zur Ausgestaltung der denkwürdigen Pauls- kirche in Frankfurt – Der Zug der Volksvertreter.
Johnnes Grützke verstarb 2017 in Berlin.
Betrachten Sie die in dieser Ausstellung gezeigten unterschiedlichen Porträts. Erfreuen Sie sich, wenn Ihnen die eine oder andere dargestellte Person bekannt ist, genießen Sie die her- ausragende Malerei und beobachten Sie auch die Entwicklung des künstlerischen Reper- toires von Grützke. Heinrich von Kleist schaut in Form einer Pastellkreidezeichnung in die
„Welt als Narrenschiff „ und ‚Alexander von Humboldt, ganz expressionistisch dynamisch gestaltet muss auf seine „Vermessung der Welt“ ein Weilchen verzichten und sich wie Sie, den unzähligen, vielgestalten, kreatürlichen Geschöpfen des Narrenschiffs hingeben.
Das Selbstporträt als Bildgattung bildet kunsthistorisch seit langem eine Gattung, die auf Rembrandt zurückgeht, der als einer der Ersten Künsltler konsequente Selbststudien be- trieb und diese malerisch und grafisch festhielt. Er konnte damit ausdrücklich zeigen, was er zu leisten vermag. Damals, als die Kunst aus den starren Auftragsverhältnissen her- austrat und zum freien Unternehmertum modifizierte, war dies eine wichtige Referenz. Viele Kunstschaffenden folgten diesem Weg, so auch Grützke.
Die dritte Dimension dieser Ausstellung bildet der München Künstler Huanqing Wang. Ebenfalls aus China stammend und gut befreundet mit Zhao lebt und arbeitet Wang in- zwischen im Ruhstand in Peking.
1958 in der inneren Mongolei geboren erwirbt er 1982 seinen Abschluss der Bildenden Künste an der Hebei Normal University (in Shijiazhuang). Immer aber war Huanquing Wang auch selbst künstlerisch tätig. Er gründete mit Freunden in den 80er Jahren des ver- gangenen Jahrhunderts das „Miyang Painting Studio“. Er engagierte sich in der „85-Kunst- bewegung“, die einen wesentlichen Beitrag zum neu entwickelten Selbstverständnis der Kunst in China in Kontraposition zur vorausgegangenen staatsverordneten Kulturrevolu- tion leistete.
Neben seinem künstlerischen Schaffen in der Welt der Malerei wirkt Huanquing Wang auch bei der Planung, der Drehbucherstellung und auch der Regie vieler Fernsehserien, Dokumentarfilmen und Bühnenstücken mit. Die Welt der Bühne findet widerum ihr Echo in seinen Zeichnungen.
Auf den ersten Blick mögen die Werke von Wang fremd anmuten in der figurativen Welt der hier gezeigten Ausstellung. Das Wuchernde und Wabernde, das Knollige und Trollige, das Feixende und Fettige ist bei Wang nicht zu finden. Statt dessen finden wir bei ihm eine nüchterne, sezierende – eine wisschenschaftlich, technisch anmutende Bestandsaufnahme des Kreatürlichen. So reihen sich beispielsweise Behältnisse, Fläschchen, Gefäße wie aus dem Labor entnommen sowie Knochen und Körperteile, bis hin zu silhouettenartigen kopfähnlichen, flächenhaften Formen. Der Mensch als zusammengefügtes Ganze, das sich verändern, ergänzen und demontieren lassen kann. Wang bildet sozusagen eine Antithese zu Grützke und Zhao. In den zutage tretenden Bildfantsien zeigt sich Wang schlussendlich aber nicht weniger närrisch als seine Kollegen – oder nennen wir es verrückt – ver - rückt Ver-Rückt – etwas verschoben, verändert - ein Perspektivenwechsel ist damit umschrieben. Johannes Grützke erklärte seine malerische Konzeption einmal so: er praktiziere den schie- fen Stil. Schief als Gegensatz verstanden zu richtig und opportun. Lassen Sie mich hierzu ein Zitat von Grützke einfügen.
„Der schiefe Stil! Warum?
Der schiefe Stil ist nicht krumm oder schräg; er ist aufrecht auf seine Weise. Seine Weise ist speziell: er hat Bestreben. Sein Bestreben führt nicht direkt noch oben oder überhaupt irgendwohin, sondern vielmehr absichtsvoll von sich hinweg. Der schiefe Stil ist expressiv:
…..
Wir verwenden den schiefen Stil nicht, sondern der schiefe Stil ist da. Er klagt, wir lassen ihn klagen.“
Folgen wir diesem Pfad des Schiefen, so stoßen wir zwangsläufig wieder auf Yongbo:
Seine umfassenden Kenntnisse der großen europäischen Kunstgeschichte zeigten ihm viele idealisierte Höhepunkte – die Erhabenheit und der Absolutheitsanpruchs des Kunstschö- nen. Er entwirft ein Gegenwelt dies „blütenhafte Schönhet, wie man sie aus alten Bildern kennt [ist] nur noch in beschädigter Form denkbar.“
Idealisierte Schönheit ist nicht mehr der Kompass der modernen und auch zeitgenössi- schen Malerei mehr – aber ein hoher gestalterischer Anspruch, hohe handwerkliche Kom- petenzen ist bei dem präsentierten Künstlertrio auf jeden Fall nach wie vor richtungswei- send.
Verabschieden wir uns fürs erste von der Exposition der Ausstellung, von der 4. Ebene und steigen hinab in die Vielfalt der verschiedenen einzelne Werke, die immer wieder aufeinan- der bezugnehmend präsentiert werden.
 
Erlauben Sie mir eine etwas Abschließend, so möchte ich zusammenfassend anfügen, spannt sich der Horizont der Ausstellung tatsächlich global über den Erdball. Im Span- nungsfeld chinesischen und europäischen Kunstschaffens bietet die Ausstellung eine viel- seitige und vielgestalte Werk-Perspektive – Trotz ihrer Unterschiedlichkeit in Formgestal- tung und -wirkung verbindet die Werke ein kritischer und aufgrund der pointierten Art klarer Blick auf ein schillerndes Spektrum menschlicher Wesensqualitäten.
Es sind nicht mehr die Heldinnen und Helden, die vergöttert werden – die Vertreter der olympischen Welt, begegnen uns nun als aufgedunsene Kröte, die ihre zwergenhaften Un- tertanen dominieren, schikanieren, ausnutzen, belasten und ja, auch bescheissen.
Genießen Sie nun bei Ihrer persönlichen Betrachtung die grandiose Malerei, die Ihnen prä- sentiert wird. Genießen sie die Farbigkeit der Werke. Genießen Sie beispielsweise das span- nungsreiche Aufeinandertreffen von Rot und Grün, also zweier komplementärer Farben mit gleichem Valeur in dem Grützke-Selbstporträt „Selbst ohne Nasenwurzel“.
Goutieren Sie die sensible, subtile und meisterliche Farbbehandlung, die Farbkompositio- nen, die Farbübergänge und nicht zuletzt die vielfältigen verrückten Wirkungen.
Vergessen Sie auch nicht die Anmutungen eines Bildes im Ganzen oder einzelner Sujets in ihm zu vergegenwärtigen. Verfolgen Sie die Lineaturen und begeistern Sie sich für die Viel- falt künstlerischer Arbeit - erfreuen Sie sich an den durch die Hängung der Bilder inszenier- ten Bezüge - gehen Sie auf Entdeckungsreise – an Bord des Narrenschiffes.
Zu guter letzt möchte ich mich besonders bei meinem Mitkurator und bewundernswerten Kenner der Kunstwelt, bei Andreas Preywisch bedanken, sowie auch bei den vielen helfen- den Händen, die die Ausstellung möglich gemacht haben.

Ihnen Danke ich für Ihre Aufmerksamkeit Die Ausstellung ist nun eröffnet.