Titelbild Essenheimer Kunstverein

ZUM NEUNZIGSTEN. Ror Wolf | Mainz

Collagen und Dichtung I 24. bis 26. Juni 2022

[  Diese Ausstellung wird in einem Artikel von Daniel Meuren in der FAZ erwähnt: "Raffinerie für Wirklichkeit - Ror Wolf zum 90. Geburtstag" (FAZ vom 28. Juni 2022)  ]


Die Ausstellung
Am 29. Juni 2022 wäre Ror Wolf 90 Jahre alt geworden. Der Essenheimer Kunstverein erinnert an den 2020 verstorbenen Schriftsteller und Collagenkünstler, der zuletzt fast 30 Jahre in Mainz lebte, mit einer 3-tägigen Ausstellung. 

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Ror Wolfs bildnerischem Werk: den Bild-Collagen, die er über 60 Jahre lang fabrizierte. Zu sehen sind Original-Collagen sowie etliche Kopie-Vergrößerungen, die  zu erwerben sind. 

Kuratoren: Andreas Preywisch, Michael Braun

 

Einführung in die Ausstellung am 24. Juni 2022 | Andreas Preywisch

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

am kommenden Mittwoch wäre der vor zwei Jahren verstorbene Ror Wolf 90 Jahre alt geworden: Ein willkommener und würdiger Anlass für eine Ausstellung.

Zu Anfang möchte ich allen danken, die zum Gelingen dieser Ausstellung beigetragen haben. Hier ist zuerst zu nennen  Erika Wolf, die ihr Einverständnis zur Ausstellung selbst, zu den notwendigen Kopier- und Druckvorgängen gegeben und einige Ausstellungsstücke zur Verfügung gestellt hat. Sie kann heute nicht hier sein, ich wünsche ihr von hier aus alles Gute für die Zukunft. Weiter hat auch Prof. Dr. Michael Kling durch seinen Collagenbeitrag und die Unterstützung bei der Beschaffung von Kopien wesentlich mitgeholfen. Bei der Produktion von Druckvorlagen habenDr. Uwe Sievers und  Hildegard Müller ihren Beitrag geleistet.

Mithelfen wollten weiterMichael Braun und Alexandra Serra. Doch Corona und ein Todesfall verhinderten dies. Der Verlag Schöffling bildet das gesamte Werk Ror Wolfs ab. Die ausgestellten Werke können über Bestelllisten geordert werden. Ein Spezialbeitrag stammt von Jan Peter Tripp: Die Augen von Ror Wolf, die dieser wiederum mir gewidmet hat.

Für die Beiträge zur Eröffnung danke ich der Vorsitzenden Eva Appel des EKV, der Saxofonistin Ilse Schröer und den Lesenden Eva Appel und Stephan Wiesehöfer. Zum Wohlsein trägt dasEssenheimer Weingut Mossel-Mentz bei. Ein Wohltäter für diese Ausstellung möchte nicht genannt werden. Nun genug der Würdigung, denn im Mittelpunkt soll ja heute Ror Wolf und sein Werk stehen. 

Ror Wolf ist in vielfacher Hinsicht ein Doppelgänger: Dichter und Bildender Künstler, Deutscher in der DDR und BRD, Ror Wolf und Raoul Tranchirer. 
Ror Wolf, ursprünglich Richard Georg Wolf, wurde am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale geboren und starb am 17. Februar 2020 in Mainz. Sein Leben begann in der DDR. Er machte 1951 Abitur, durfte aber wegen seiner bürgerlichen Herkunft nicht studieren. Nach zwei Jahren als Bauarbeiter verließ er die DDR und begann ein zweites Leben in der BRD, zunächst ein Jahr als Hilfsarbeiter in Stuttgart.

Dann begann sein Leben als Student in Frankfurt am Main. Einschreibung für Literatur, Soziologie und Philosophie. Seine Bühne wurde bald die Studentenzeitung Diskus. Er publizierte dort Prosa, Lyrik und Bildcollagen, dazu Literatur-, Theater- und Jazz-Kritiken. Parallel begann er auch als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk. Seit 1963 war er zudem freier Schriftsteller. Nach den ersten Veröffentlichungen im Diskus erschien 1964 sein erster Roman Fortsetzung des Berichts.

In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte Ror Wolf zunächst beim Anabas Verlag, später beim Verlag Schöffling zahlreiche Titel wie Pilzer und Pelzer, Die Gefährlichkeit der Großen Ebene, Nachrichten aus der bewohnten Welt, Zwei oder drei Jahre später.

Schnell fand Ror Wolf zu radikaler Verdichtung und gleichzeitiger äußerer Verknappung seiner Prosa. Es sind Einflüsse aus Surrealismus, Phantastik, Abenteuer- und Kriminalliteratur nachweisbar sowie humoristische und erotische Motive, die seine Bücher auch ausgesprochen unterhaltsam machen. Dies gilt insbesondere für die in Aussichten auf neue Erlebnisse (1996) und Pfeifers Reisen (2007) gesammelten Gedichte.  Der Schöffling Verlag, der seit vielen Jahren das Werk Ror Wolfs betreut und der heute mit Ror. Wolf. Lesen. ein neues Buch über sein Lebenswerk im Literaturhaus Berlin vorstellt, hat in dieser Ausstellung einen Stand aufgebaut. Herzlicher Gruß an Frau Maria Leucht, die Ihnen dort heute gerne behilflich ist.

Kommen wir nun zum Verhältnis des Dichters Ror Wolf zur Wirklichkeit. Eine seiner Mail-Adressen hieß wirklichkeitsfabrik@t-online.de. Für ihn ist die Wirklichkeit in erster Linie ein Wortraum. Ein Zitat Ror Wolfs: „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Welt.“ So wird das Verfahren des Autors in seinen Fußballbüchern und den dazugehörigen Radio-Collagen deutlich. 1988 wurde Ror Wolf für Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Es ist eines der erfolgreichsten deutschen Hörspiele.

Ror Wolf war auch bildender Künstler. So produzierte er seit den 60ern Bildcollagen. Ergänzt durch entsprechende Textkonzentrate entstand so die Enzyklopädie für unerschrockene Leser. Seit 1983 brachte sie es auf sechs Bände. Insgesamt entstanden etliche Hundert Collagen, mit denen ich mich im Weiteren anhand der Methoden des Künstlers auseinandersetze.

Methode 1: Zerlegen und Zerschneiden
Man unternehme eine Reise, z. B. in das am Rhein gelegene Basel. Man begebe sich dort in ein Antiquariat oder auf einen Flohmarkt. Man suche und kaufe Bücher aus dem 19. Jahrhundert, eventuell auch vom Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere Ratgeber aus Natur, Technik, Medizin, Reisen, auch ganz allgemeine Ratgeber. Größten Wert lege man auf feine Stahlstiche, auch koloriert. Ist man fündig geworden, zerstöre man die Bücher durch Heraustrennen bzw. Zerschneiden der Bilder von gesehenen oder dargestellten Wirklichkeiten. Diese tranchierten Wirklichkeitsteile verfrachte man in das Materiallager der Wirklichkeitsfabrik. So oder so ähnlich kann man sich den Beginn der Collagen Ror Wolfs vorstellen: als Methode des Zerlegens oder Zerschneidens.

Methode 2: Spiegeln und Umdrehen
Seine Collagen veröffentlicht der Dichter und Hörspiel-Autor Ror Wolf unter dem Pseudonym Raoul Tranchirer. Es lohnt sich, sich mit diesem Pseudonym etwas intensiver zu beschäftigen, weil es einem Arbeitsweisen des Künstlers nahebringt.

Raoul bedeutet als Vorname Rudolf bzw. Rollo. Namensträger war beispielsweise Raoul bzw. Rodolphe de Bourgogne, König von Frankreich, gestorben 936 – zu diesen Zeiten tranchierte man eher mit dem Schwert als mit Schere und Messer –  oder Raoul Hausmann, ebenfalls ein Collagist und als Bildhauer ein Assemblagist.

Der Name Raoul hat rückwärts betrachtet etwas Wölfisches: le loup = der Wolf auf Französisch. Wenn man den ursprünglichen Namen von Ror Wolf – Richard – rückwärts liest, erhält man Drachir. Mit Glättungen und angenehm klingenden Ergänzungen erhält man daraus den fiktiven Nachnamen „Tranchirer“. Das Spiegeln und Umdrehen zählt zur zweiten Methode, die Ror Wolf gerne verwendete.

Methode 3: Zusammensetzen zu einem Ganzen
Alle stellen sich bei dem Begriff „Collage“ etwas vor – aber ist es bei allen auch das Gleiche?

Gehen wir ein wenig zurück. Jedem sind Spiele bekannt, bei denen verschiedene Teile zu einem Ganzen zusammengesetzt werden: Meist sind es Menschen- und Tiermotive, sodass man z. B. als Ergebnis ein Schwein mit Pferdebeinen in Gummistiefeln mit Menschenkopf und Hörnern erhält und sich dann freut oder gruselt.
Ähnliche Spiele gibt es auch mit Texten: Man liest eine Zeitung in einer Zeile einfach quer und wundert sich, was für seltsame Nachrichten dabei herauskommen. Cross-Reading nennen das, glaube ich, die Engländer. Wer findet innerhalb einer Woche so den vergnüglichsten Text? Ein wundervolles Spiel, an dem auch Ror Wolf seine Freude hatte.

Die Kunstgeschichte schürft meist viel tiefer und bezeichnet ungefähr jedes Zusammenfügen von Unterschiedlichem als Vorläufer der Collage und kommt so bis zur Antike. Bleiben wir etwas bescheidener und benennen nur wenige echte Vorläufer: So collagierte der Märchendichter Hans Christian Andersen (1805–1875) u. a. einen vierteiligen Wandschirm mit Abbildungen von Stadtansichten, Seelandschaften und Portraits. Carl Spitzweg (1808–1885) illustrierte ein Rezeptbuch mit einer ganzen Serie von Collagen, wobei er Holz- und Stahlstiche zeichnerisch und malerisch überarbeitete. Als Geburtsjahr der Collage gilt in der Kunstgeschichte das Jahr 1912, als Pablo Picasso (1881–1973) in ein Stillleben ein Stück Wachstuch klebte, das mit dem Strohgeflecht eines Stuhles bedruckt war. Worum ging es bei all diesen Spielen und Vorläufern?

Methode 4: Fabrikation neuer Wirklichkeiten
In der Verquickung der unterschiedlichen Wirklichkeiten (indirekte und direkte, bildhafte und originelle usw.) kommt man nicht nur zu einem neuen Ganzen, sondern zu einer neuen Wirklichkeit. Man fabriziert durch kreative Verknüpfung von Teilwirklichkeiten gewollte, gewünschte, oft auch überraschende Wirklichkeiten.

Man könnte sie nun alle nennen: Georges Braque (1882–1963), die futuristischen Italiener mit ihren kombinatorischen Techniken, und viele mehr. Konzentrieren wir uns auf Ror Wolfs konkrete Vorbilder: Max Ernst und Peter Weiss. Von der Collage von Max Ernst „Zeig deinen Koffer her, mein Lieber“, gefertigt 3 Jahre vor der Geburt Ror Wolfs, bis zu den Collagen des heute zu feiernden Künstlers ist es nur ein Zeitunterschied. Die Qualität der Collagen ist absolut ebenbürtig. Die Fabrikation von neuen Wirklichkeiten, die vor allem das Unbewusste im Menschen, Sehnsüchte, Horrorvisionen, Hoffnungen, Schreckensbilder, ins Visier nimmt, wird allgemein als Surrealismus bezeichnet. Als Collagist ist Ror Wolf darum wohl als Surrealist einzuordnen.

So auch von Kai U. Jürgens, aus dessen Eröffnungsrede zur Ror-Wolf-Ausstellung 2002 in Kaiserslautern ich jetzt zitiere: „Ror Wolf ist auch ein bildender Künstler, und er ist es von Anfang an. Seit den frühen Jahren verfertigt er Collagen mit Materialien aus der Gründerzeit, die er alten Lexika, Zeitschriften und Benimmratgebern entnimmt – ... Max Ernst und Peter Weiss sind ihm hier geistesverwandt; ihre motivisch korrespondierenden Bilder wirken wie unterschiedliche Antworten auf gemeinsame Fragen. Wer den Surrealismus liebt, wird sich der befremdlichen Poesie dieser Arbeiten kaum entziehen können, die das schriftstellerische Werk nicht illustrieren, sondern eigenständig begleiten.“

Mir passt diese Schublade allerdings nicht ganz. Ich finde, viele Collagen von Ror Wolf sind realistisch, in der Weise, dass die gesehene Bilderwelt und Ideen- oder Traum-Welt eine Einheit bilden. Surrealismus heißt die nach dem 1. Weltkrieg in Paris entstandene Richtung der modernen Literatur und Kunst, die das Unbewusste, Träume, Visionen u. Ä. als Ausgangspunkt künstlerischer Produktion ansieht. Realismus hingegen heißt die Stilrichtung in Literatur und bildender Kunst, die die Wirklichkeit nachahmt und so mit der Wirklichkeit übereinstimmend wirklichkeitsgetreu darstellt.

Fünfte Methode: Kreativität
Bei den Spielen, die mit Collagieren zu tun haben, spielt häufig der Zufall eine überragende Rolle. Bei Ror Wolf kann das aber nur am Rande der Fall sein; denn alles, was er tut, macht er mit voller Absicht und der ihm eigenen Kreativität. Und das nicht nur beim Dichten, sondern auch in den Phasen, in denen er nicht Texte bearbeitet, sondern zum Beispiel collagiert.

Ich denke, man kann so weit gehen, die Kreativität als den Hauptwesenszug von Ror Wolf festzuhalten. Er hält Kreativität für lebensnotwendig, ja für überlebensnotwendig. Vielleicht ist das auch der einfache Grund, dass wir heute ein so wundervolles Oeuvre an Collagen vor uns haben.

Sechste Methode: Erotik 
Es wurde schon erwähnt, dass in Ror Wolfs Dichtung nicht nur humoristische, sondern auch erotische Motive zu finden sind. Kai U. Jürgens nannte seine Arbeiten gar ein Beispiel für literarische Hocherotik.

Ich zitiere noch einmal aus seiner Rede von 2002: „Zu den Abenteuern, die seine Figuren erleben, gehören offenbar auch stets irritierende Erlebnisse um verführerische Frauengestalten, um Dinge, die sich aus zerwühlten Betten herausbiegen, um Haken, Verschlüsse, Schnallen, Schlaufen und Ösen, die sich unter den nervösen Fingern der Erzähler unaufhörlich zu öffnen und zu schließen scheinen. Kalt lächelt die Witwe, wenn sie den Reißverschluss ihres schwarzen Knautschlackmantels öffnet und – der Logik dieser Texte gemäß – immer wieder öffnet.“ Und diese erotische Ebene findet man natürlich ebenso in den Collagen, genau wie Virtuosität, Leichtigkeit und Komik, die laut Kai U. Jürgens das dichterische Werk Ror Wolfs ausmachen.  

Zum Schluss möchte ich noch einmal einen Blick auf die Person Ror Wolf werfen. Ror Wolf hatte als Deutscher ein DDR- und ein BRD-Schicksal. Er war sehr eigensinnig und übersiedelte 1953 in den Westen. Um diese Zeit – mit 20, 21 – war er offen für alles Neue. Zum Beispiel besuchte er zu dieser Zeit eine Jackson-Pollock-Ausstellung in Hamburg. Gab es eine Alternative in seinem Leben? Vielleicht hätte er gerne in einer Band Jazz gespielt, aber da fehlte es an Erfahrung mit einem Instrument. Er entschied sich, frei dichterisch oder allgemeiner künstlerisch zu arbeiten und davon zu leben – und seine Richtung war die gegenständliche. Damit war auch klar, dass Ror Wolf ständig kreativ sein musste, nicht nur 2 Stunden am Tag, wie sich das so manche Nachwuchskünstlerin bzw. mancher Nachwuchskünstler heute vorstellt. Er hat diesen Lebensentschluss konsequent durchgehalten und uns damit ein reiches Werk beschert, das wir zum Teil heute hier in Essenheim erleben können.

Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, mir zuzuhören!

Andreas Preywisch