Titelbild Essenheimer Kunstverein

Sara Focke Levin - EHSENUM

Sarah F. Levin:

EHSENUM –

Arbeiten zum Ort (Essenheim)

Infos zum Konzept siehe hier

links unter (mehr)

 

Eröffnung:

Freitag, 02. Juli 18:00 Uhr –

Gespräch mit der Künstlerin

 

Öffnungszeiten:

 

Tag Datum/ Uhrzeit von-bis

SA 03.07. 10.07. 17.07. 24.07. 14 18

SO 04.07. 11.07. 18.07. 25.07. 11 17

 

Die Einladung erfolgt unter Beachtung der

aktuellen Corona-Bestimmungen mit Auflagen:

 

im Moment keine Vorausbuchung nötig!

 

 

Beachtung Hygienekonzeptes Levin 2021

www.essenheimer-kunstverein.de/kunstverein/verein/

 

in Kurzform

 

 Mund/ - und Nasenschutzpflicht

 Mindestabstand

 Einbahnwegesystem

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Der Eintritt ist frei.

 

Ein Ort im besonderen Fokus einer Künstlerin!

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

 

Ihr Essenheimer Kunstverein

 

 

Konzept zur Ausstellung im Kunstverein Essenheim


Ehsenum

(Bezeichnung für Essenheim im Dialekt) 


Künstlerin: Sara F. Levin, 71638 Ludwigsburg 

Ich arbeite seit 25 Jahren als freischaffende Künstlerin über Orte. Es sind fremde Orte, Orte mit und ohne Geschichte, leere und übervolle Orte, Gebiete und Gelände. Es sind Orte des Schreckens die ich untersuche wie auch Orte des Glücks. Ihre Atmosphären und Geheimnisse, ihre Charaktere und Besonderheiten sammle und versuche ich mit unterschiedlichen Medien in meinem Werk zu übersetzen und zu bestimmen. „Diese Orte sind zahlreich. Im Vorbeifahren nehmen sie das letzte Drittel eines Augenwinkels ein, den Augen-Blick der nicht gerichtet ist, sich aber noch als Wahrnehmung niederschlägt. In Straßenfluchten, an Häuserecken und Gehwegkanten wechselt der Ort sein Bild, nicht aber seine Identität. An Plätzen, Einfahrten zu Höfen und an mit Ziegel bedeckten Mauern, gleitet der Weg nirgendwo hinaus oder hinein, nur vorbei. Diese Orte sind nicht einfach zu finden, wenn überhaupt, wird man von ihnen überrascht. Dort entzieht sich die Orientierung einem zuverlässigen Muster. Eine Atmosphäre des Unbesehenen, der bestimmten Leere, ist an ihnen zuhause. An den Straßen bündelt sich das Unspektakuläre diametral zu ihrem Nutzen, dort greift das Alltägliche jenseits aller Bewegung auf sein stetes Vakuum des Daseins zurück. Im Hochmittag und in den Nächten öffnen sich diese Stellen um dem fremden Blick Eingang zu gewähren in einen zeitlichen Stillstand und in eine Welt, die nur jenen gehört, die in ihr ausharren.“ So lautet ein kurzer Text den ich zu einer fotografischen Arbeit über 24 Dörfer die entlang der Rhone in Frankreich liegen 2004 verfasst habe. (siehe Katalog Trans RN 7/RN86) Selbst in einem Dorf nahe bei Stuttgart aufgewachsen, kenne ich die komplexen inneren und äußeren Strukturen eines Dorfes seit meiner frühesten Kindheit. Und dennoch ist keines mit dem anderen zu vergleichen. Jeder Ort hat sein Gesicht und seine tausendfach begangenen Wege hinein und hinaus, seine Geschichte und Geschichten die einmal offen liegen und ein anderes Mal, gleich Untiefen, verdeckt sind. Ich komme nicht ganz als Fremde nach Essenheim. Seit nunmehr fast 20 Jahren habe ich durch die enge Freundschaft zu meinen wichtigsten Sammlern Christel und Rudolf Blank Essenheim bei meinen Besuchen kennen gelernt. Durch Sie wurde auch im Jahr 2005 eine erste Ausstellung im Kunstverein initiiert. Das Dorf und die unmittelbare Umgebung aber auch seine Geschichte und Ereignisse sind nun bei dieser zweiten Ausstellung Gegenstand meiner Untersuchungen und Arbeiten. Die Ausstellung umfasst drei Bereiche die in verschiedenen Medien die Arbeiten zu Essenheim präsentieren: 
1.    Mikrologische Untersuchung des Dorfes aus Archivbildern (das Vergangene) 
Dank der umfangreichen historischen Aufarbeitung des Essenheimer Geschichtsvereins bekam ich aus dem Archiv von Stefan Mossel Zugang zu Zeitungsfotos aus den siebziger und achtziger Jahren. Zeitungsfotos dokumentieren für gewöhnlich die Ereignisse eines Ortes und seine Bewohner, sie können als kollektives Gedächtnis des Ortes und seiner Einwohner bezeichnet werden und stehen in diesem Zusammenhang stellvertretend für das Gefüge der Erinnerung. Ich habe aus den vorhandenen Originalen kleinste Fragmente mehrfach extrem vergrößert und sie in Tusche und Acryl auf mittlere Formate übertragen. Durch die Vergrößerung der Details treten die Rasterungen der Bilder in überdimensionierter Form auf und das Abbild selbst löst sich bei Betrachtung aus der Nähe in einem abstrakten Bildraum wieder auf. Auch das Gedächtnis ist keine statische Konstante, sondern es verändert sich stetig. Punktuell ist es auf Momente oder Abläufe und Bilder ausgerichtet und löst sich nicht selten ab von den erkennbaren Strukturen der Wirklichkeit um im Nachhinein in einem mehr empfundenen als realen Rauschen zu erscheinen. Die Rasterung der damaligen Zeitungsbilder gilt heute im Pixelzeitalter bereits als eine antiquierte Drucktechnik. Bei dieser Arbeit mit den Abbildungen von Bewohnern und Ereignissen hatte ich das Gefühl nicht nur visuell, sondern auch mental am weitesten in das mikrologische Gefüge, in seine „innersten Organe“ und in das Gedächtnis des Ortes vorgedrungen zu sein. Grafik zur Serie „Ehsenum“ 2021, Tusche auf Papier, 120cm x 90cm 
2.    Makrologische Arbeiten über den Ort (das Gegenwärtige) 
Um einem Dorf näher zu kommen muss man es mehrfach umrunden. Ebenfalls sollte man es zu verschiedenen Tageszeiten durchlaufen und durchdringen. Ich habe innerhalb von drei Tagen nach diesem Prinzip Essenheim fotografisch und topografisch untersucht. Aus meinem eigenen Heimatort sind mir die Veränderungen eines Dorfes innerhalb der letzten 50 Jahre wohl bekannt. Die um den alten Ortskern gruppierten Gürtel der Baugebiete mit den Zweifamilienhäusern der 60ziger und 70ziger Jahre die eng am Kern heute bereits zum Zentrum gehören. Die Neubauphasen der 90ziger Jahre, die neue Gebiete erschlossen und nicht zuletzt die Bauphase der letzten 10 Jahre die heute an der vermeintlichen Grenze liegen und deren Straßen als Feldwege in der sie umgebenden Landschaft enden. Natürlich ist mir auch der Abriss alter Gebäude, die nicht selten über Jahrhunderte das Zentrum des Ortes geprägt haben, bekannt. Fast zum Standard gehört die heute leerstehende Raiffeisenstelle sowie der Supermarkt am Ortseingang und die umliegenden Gärten, Pferdekoppeln und Schafweiden. Wie erscheint ein Dorf aus der Ferne? Man kennt die Ansicht mit der Dorfkirche von Postkarten. Wie erscheint dem fremden Blick ein Dorf im Zentrum und in seinen Gassen und Straßen? Aus dieser Arbeit sind mehrere fotografische Serien entstanden die ich in einzelnen Untergruppen geordnet habe: Wege, Häuser, Straßen, Winkel, Bänke, Gärten usw. Essenheim erscheint von Weitem wie von Nahem dank des Fehlens eines Industriegebietes immer noch als ein Dorf. Ich habe bewusst keine romantisierten Ansichten gewählt und versucht mit meinem „fremden“ Blick objektiv Allem zu begegnen was sich bei den Rundgängen aneinandergereiht hat. Das Betrachten und Aufnehmen am Ort ist ein Sammeln von unmittelbarsten Eindrücken. Sowohl die leere Hauptstraße wie auch der belebte Hühnerhof, die Gasse mit der Bank zur nächsten Hauswand wie auch die Vorgärten der Einfamilienhäuser, sie alle schaffen eine bestimmte Atmosphäre. Der Blick auf das Dorf von einem Hügel in der Ferne ist nach wie vor der „heimatliche“ Blick. Die Perspektive, unverstellt, auf einen Ort, in dem geboren, gelebt und gestorben wird. In der Ausstellung werden sowohl die Fotoserien als auch eine 12teilige Serie von Collagen zu sehen sein. 
3.    Dorf/Welt/ Kosmos 
Der dritte Teil der Ausstellung werden im Obergeschoss Objekte und Grafiken mit dem Titel „Welten“ sein. Ein Dorf ist ein eigener Körper, ein Kosmos. Seine Bewohner bilden mit ihrem Dasein menschliche Strukturen über zeitliche und persönliche Verbindungen untereinander. Generationen wachsen auf, verlassen den Ort oder bleiben ein Leben lang hier. Sie sind geprägt von ihren Zeiten und den Veränderungen um sie. Geschichte ist allgegenwärtig in Straßen und Häusern oder vergessen unter Äckern und Siedlungen. Essenheim hatte in seiner eigenen Geschichte zwei große Auswanderungswellen. Sie alle, die damals gegangen sind, haben einen Teil von ihrem Heimatort mit in die Welt hinausgenommen. In unserer heutigen, digitalen Welt scheinen alle Entfernungen überwindbar zu sein. Ob es wirklich so ist, zeigt sich vielleicht nur dann, wenn man sich Zeit nimmt sehend an einem Ort, und nur an diesem, zu verweilen um damit an ihm und in seiner Welt zu sein. 
14. 06. 2021    Sara F. Levin